MELCHERS-R.
Gastbeitrag Sportbusiness Club

Kündigungen von Sponsoringverträgen bei der NASCAR – Die Tücken von Social Media und Live-Streams im Esport

Innerhalb von nur zwei Wochen gab es in der neuen eNASCAR Serie gleich zwei Vorfälle, die dazu führten, dass Sponsoren Ihre Zusammenarbeit mit Athleten beendeten bzw. ein Athlet sogar seinen Job verlor. Was war passiert? Ein Gastbeitrag von unserem Sportbusiness Club Mitglied.

A. Einleitung

Die NASCAR (National Association for Stock Car Auto Racing) betreibt in den USA drei Rennserien. Auf Grund der COVID-19 bedingten Verbote von Sportveranstaltungen in den USA hat die NASCAR Mitte März offiziell die sog. „eNascar iRacing Pro Invitational Series“ mit dem Spiel iRacing (sog. Sim-Racing) ins Leben gerufen, an der Rennfahrer der regulären NASCAR Serien teilnehmen, um den Fans weiterhin Unterhaltung zu bieten. Dieser Sim-Racing Showcase umfasst sieben Rennen auf bekannten, virtuell nachgebauten Rennstrecken (www.enascar.com/iracing-pro-invitational-series). Die Rennfahrer sitzen in ihren Simulatoren und fahren gegen ihre gewohnten Konkurrenten. FOX Sports überträgt die Rennen mit ihren eigenen NASCAR Kommentatoren live.

Wie kam es zu den erwähnten Auseinandersetzungen zwischen den Athleten und Sponsoren, die zur Trennung führten? Im Folgenden werden die zwei Fälle näher beleuchtet.

Fall 1: „Bubba Wallace“

Beim iRacing Event der eNASCAR Pro Invitational Serie Anfang April, das auf dem virtuellen Bristol Motor Speedway stattfand, kollidierte Bubba Wallace, der seit vier Jahren NASCAR Rennen fährt, mit einem Kontrahenten, der sich in der folgenden Kurve revanchierte und -mutmaßlich absichtlich- in Wallaces Auto crashte. Wallace reagierte impulsiv und obwohl er eigentlich hätte weiterfahren können, beendete er das Rennen bewusst mit folgendem Kommentar, den alle Zuschauer „on air“ hören konnten: "That´s it. This is why I don´t take this shit serious. Peace out!” (Das war´s. Deshalb nehme ich diesen Dreck nicht ernst. Macht´s gut!". In der iRacing Szene nennt man die Beendigung des Rennens auf diese Weise „Rage-quit“.

Wallace legte später mit folgendem Tweet nach: “Bahaha. I'm dying at my mentions right now... I ruined so many peoples day by quitting… a video game… Bahaha. A video game. Damn quarantine life is rough  (Hahaha. Ich sterbe gerade bei den Kommentaren über mich... Ich habe so vielen Menschen den Tag ruiniert, indem ich... ein Videospiel aufgegeben habe... Hahaha. Ein Videospiel. Das verdammte Quarantänen Leben ist hart )

Mit diesem öffentlichen Posting machte sich Wallace also zudem über Fans und Sim-Racing lustig. Diese gesamte Aktion, vor allem der Tweet, gefiel seinem Sponsor aus der Schmerzmittelindustrie nicht, der mit folgendem Kommentar unter Wallace Twitter-Post das Ende der vertraglichen Beziehung erklärte: "GTK where you stand. Bye bye Bubba. We're interested in drivers, not quitters.” (Gut zu wissen, wo Du stehst. Auf Wiedersehen Bubba. Wir sind an Fahrern interessiert, nicht an Aufgebern). Das Unternehmen kündigte anschließend den Sponsoringvertrag mit Wallace mit sofortiger Wirkung.

Fall 2

Nur eine Woche später streamte Kyle Larson, ebenfalls ein erfahrener NASCAR Rennfahrer ein iRacing Rennen auf Twitch und sprach seinen sog. „Spotter“ (ein Teamkollege, der ihn in Echtzeit über die Rennsituation informiert) in dem Glauben, dass die „on air“- Kommunikation gerade nicht funktioniere, über sein Mic mit den Worten an: „You can´t hear me? Hey Nigger“ (Du kannst mich nicht hören? Hey, Nigger). Bereits beim Ansehen der Videosequenz wird sofort klar, dass dieser Satz Konsequenzen für Larson haben würde. Und so kam es. Seine persönlichen Sponsoren kündigten mit sofortiger Wirkung sämtliche Verträge mit ihm und nachdem sein Rennstall ihn zunächst lediglich suspendiert hatte, entließ er Larson schließlich. Auch die öffentlich in einem Video erklärte Entschuldigung und Reuebekundung konnten ihm nicht mehr helfen. Die verbale Entgleisung war unentschuldbar, worüber sich alle Vertragspartner einig waren. Der Verband hat außerdem noch mitgeteilt, dass Larson für den Fall, dass er einen neuen Rennstall finden sollte, erst wieder NASCAR- Rennen fahren darf, wenn er erfolgreich eine Sensibilisierungsschulung für Diversität und gegen Rassismus absolviert hat und die Suspendierung offiziell aufgehoben wird. Konsequenterweise hat auch der Veranstalter iRacing in einem offiziellen Statement mitgeteilt, dass Kyle Larson für unbestimmte Zeit nicht mehr an iRacing Rennen teilnehmen darf.

B. Rechtslage

Von juristischer Relevanz in beiden Fällen ist, ob die jeweils erklärten außerordentlichen Kündigungen der Verträge auf Grund der jeweiligen (erstmaligen) Fehlverhalten der Athleten -nach deutschem Recht- wirksam waren.

In Sponsoringverträgen findet man häufig die Klausel, dass ein wichtiger Grund für eine außerordentliche Kündigung gegeben ist, wenn eine Vertragspartei schuldhaft gegen gesetzliche Vorschriften, Verbandsregeln oder gegen Wettkampfregeln verstößt, welche für die Durchführung des Vertrages unmittelbar oder mittelbar bedeutsam sind.

Im Fall von Kyle Larson konnten sich die NASCAR, sein Arbeitgeber sowie die Sponsoren im Rahmen ihrer Kündigungserklärungen auf einen konkreten Verstoß gegen die Verhaltensrichtlinien für NASCAR-Mitglieder berufen, die zu den offiziellen NASCAR Statuten gehören. Ob Larson seinen Spotter tatsächlich beleidigen wollte, ist dabei völlig unerheblich, da das Wort „Nigger“ weltweit und vor allem in den USA als rassistisches Schimpfwort gilt, das streng verpönt ist. Kyle Larson hätte somit keine Chance, sich mit Erfolg gegen die Kündigungen zu wehren, weshalb er auch gar nicht versucht hat, seine Entgleisung irgendwie zu erklären oder zu rechtfertigen.

Auch ohne die oben genannte Klausel in den Verträgen von Kyle Larson käme man in diesem Fall (nach deutschem Recht) zum selben Ergebnis, da das Vorliegen eines wichtigen Grundes immer das Recht zur außerordentlichen Kündigung gewährt. Ein solcher wichtiger Grund liegt immer dann vor, wenn der kündigenden Vertragspartei die Fortsetzung des Vertragsverhältnisses unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls und unter Abwägung der beiderseitigen Interessen nicht zugemutet werden kann. Kyle Larsons verbaler Totalausfall ging in rasender Geschwindigkeit viral und keinem Vertragspartner ist die Fortsetzung eines Sponsoringvertrags zumutbar, wenn dadurch eine massive negative Abstrahlwirkung auf das eigene Image droht, was hier der Fall ist. Kyle Larson ist durch eigenes schuldhaftes Verhalten in der breiten öffentlichen Wahrnehmung in ein schlechtes Licht geraten, was negative Auswirkungen für die Sponsoren hat. Dabei spielt es in der vorliegenden Konstellation keine Rolle, dass das die Kündigung begründende Verhalten in Ausübung eines Sim-Racing Events erfolgt ist und nicht in Ausübung der eigentlich gesponsorten Tätigkeit, namentlich als NASCAR Rennfahrer. Der Imageschaden, der die Unzumutbarkeit der Fortsetzung der Vertragsbeziehung begründet, droht dem Sponsor gleichwohl. Im vorliegenden Fall indizieren im Übrigen die vom Verband und vom Veranstalter ausgesprochenen Suspendierungen den wichtigen Grund für eine Kündigung. Schließlich sind unabhängig vom drohenden Imageschaden die vereinbarten Sponsoringziele auf Grund der Sperre für Kyle Larson ohnehin auf unbestimmte Zeit nicht mehr zu erreichen.

Doch fällt die juristische Bewertung im Fall Bubba Wallace ebenso eindeutig aus?

Zu Gunsten von Bubba Wallace wird unterstellt, dass es keine Verbandsregelung o.ä. gibt, die einen „Rage-quit“ ausdrücklich verbietet oder in irgendeiner Form sanktioniert, zumal zweifelhaft ist, ob die NASCAR Wettkampfregeln im Falle der eNASCAR Pro Invitational Serie Anwendung finden bzw. ob sich die NASCAR Fahrer den iRacing Regularien unterworfen haben.

Selbst der Arbeitgeber hätte nicht die Möglichkeit, einen „Rage-quit“ z.B. in Form einer Abmahnung wegen Arbeitsverweigerung zu sanktionieren, sofern Sim-Racing im Arbeitsvertrag nicht ausdrücklich als Tätigkeit beschrieben ist, die der Athlet im Rahmen des Beschäftigungsverhältnisses ebenfalls erbringen muss.

Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass es im Sponsoringvertrag mit Bubba Wallace allenfalls eine allgemeine Wohlverhaltensklausel gibt, aber keine Klausel, die den konkreten Sachverhalt erfasst. Deutsche Gerichte haben in der Vergangenheit zwar immer wieder festgestellt, dass ein wichtiger Grund zur außerordentlichen Kündigung prinzipiell auch im Verstoß gegen eine vertraglich vereinbarte Wohlverhaltensklausel liegen kann, waren bei der Beurteilung des konkret zu entscheidenden Falls allerdings meist restriktiv. Ein wichtiger Grund für eine Kündigung, der den Anforderungen stand halten würde, läge wohl vor, wenn der Athlet sich negativ über Produkte/Dienstleistungen des Sponsors äußert. Im vorliegenden Fall hat sich Wallace nach seinem Rage-quit allerdings weder negativ über seinen Sponsor bzw. dessen Produkte geäußert, noch über NASCAR bzw. über die Rennserie, in der er normalerweise fährt. Wallace hat sich ausschließlich abschätzig gegenüber Sim-Racing Videospielen geäußert.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Sponsor möglichst jede Äußerung eines Athleten, die dem Image seines Produktes potenziell schaden könnte, verhindern oder sanktionieren möchte. Allerdings hat er das Recht dazu nur, soweit die konkrete Vertragsbeziehung tangiert wird. Im vorliegenden Fall hat ein Rennfahrer, der auf Grund der COVID-19-Pandemie seiner eigentlichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen konnte, sich aus der Sicht des Sponsors durch seinen „Rage-quit“ in dem Videospiel iRacing und seinen abfälligen Kommentar über Sim-Racing nach der überwiegenden Meinung wohl nicht mehr sozialadäquat verhalten. Ein Verstoß gegen die Wohlverhaltensregeln und Pflichten aus seinem Sponsoringvertrag als NASCAR-Rennfahrer ist darin jedoch nach Auffassung des Verfassers nicht zu erkennen, solange es keine expliziten vertraglichen Abreden über sein Verhalten während seiner Teilnahme an der eNASCAR Pro Invitational Serie gibt. Selbst ein eigens für das gegenständliche iRacing Event geschlossener Sponsoringvertrag hätte der Sponsor nach der hier vertretenen Auffassung nicht wirksam außerordentlich kündigen können. Rechtlich möglich wäre lediglich

a.) die Kürzung der Sponsoring Fees wegen der (freiwilligen) vorzeitigen Beendigung des Rennens, soweit die vertraglichen Vereinbarungen eine derartige Kürzung hergeben,

b.) die reguläre Beendigung des Sponsorships nach dem gegenständlichen iRacing Event, sofern die vertraglichen Vereinbarungen diese Beendigungsmöglichkeit zulassen, d.h. durch eine ordentliche Kündigung (bzw. sonstige Kündigungsoptionen) oder

c.) vertraglich vereinbarte Rücktrittsrechte auszuüben.

Wegen der grundsätzlichen Bedenken hinsichtlich des Vorliegens eines wichtigen Grundes nicht weiter erörtert wurde im Übrigen das Erfordernis der erfolglosen vorherigen Abmahnung im Falle der Verletzung vertraglicher Pflichten. 

Wie die beteiligten Parteien die Angelegenheit letztlich klären, wird die Öffentlichkeit vermutlich nicht erfahren. Die kolportierte Aussage des Rennstalls „the sponsor wouldn’t be invoiced for Bubba’s virtual sponsorship“ (dem Sponsor wird das virtuelle Sponsoring Bubbas nicht in Rechnung gestellt) klingt allerdings so, als möchte man die Sache schnell vergessen, obwohl die Aufdeckung der konkreten Leistungs- und Vertragsbeziehungen im vorliegenden Fall besonders aus juristischer Sicht äußerst interessant wäre.

C.) Ergebnis

Die dargestellten Fälle, die es ohne die COVID-19-Pandemie so nicht gegeben hätte, zeigen, wie wichtig es ist, dass sich gesponsorte Athleten, aber auch Influencer in jeder potenziell öffentlichen Situation, die im weitesten Sinne noch zum Gegenstand einer Sponsoringpartnerschaft gehören kann, an die geltenden Gesetze und -sofern vorhanden- Verbandsstatuten, Rulebooks sowie an wirksam vereinbarte Vertragsklauseln halten. Denn jeder „Black-out“ bzw. jede nicht mehr vertragsadäquate Reaktion, auch wenn diese aus der Emotion oder vermeintlich aus dem Affekt heraus passiert ist, kann dazu führen, dass man am nächsten Morgen ohne Sponsor aufwacht. Ob die erklärte Kündigung des Sponsors rechtlich wirksam war, ist dabei letztlich zweitrangig, weil dem Gesponsorten zwar bezogen auf den Fall ggf. noch finanziell geholfen werden kann, der verursachte Imageschaden im Hinblick auf zukünftige Partnerschaften dagegen irreparabel sein kann. Das professionelle Umfeld der Athleten und Influencern ist aufgefordert, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um derartige Fails durch Awareness und Sensibilisierung zu vermeiden.