Hörmann

DOSB-Präsident Hörmann: „Keine Sportart, um die wir uns nicht ernsthaft Sorgen machen“

Alfons Hörmann befand sich aufgrund des Corona-Virus zwei Wochen in häuslicher Quarantäne. Unmittelbar danach zeichnet der DOSB-Präsident im persönlichen Gespräch mit SPONSORs ein düsteres Bild zu den Auswirkungen der Krise auf ganz Sportdeutschland und spricht über „intensive Diskussionen“ mit dem BMI. Als persönlich Betroffener könne er zudem die Kritik an der späten Entscheidung des IOC-Präsidenten Thomas Bach in Bezug auf eine Verschiebung der Olympischen Spiele nachvollziehen.

SPONSORs: Herr Hörmann, die wichtigste Frage vorweg: Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Hörmann: Danke, uns allen geht es gut. Wir haben gerade zwei Wochen mit der Familie in Quarantäne verbracht, nachdem unser Sohn und seine Freundin positiv auf das Coronavirus getestet worden sind. Nachdem die beiden zunächst auch fieberähnliche Symptome hatten, geht es nun aber allen wieder gut.

SPONSORs: Gerade vor diesem Hintergrund dürfte die Konzentration auf das Berufliche nicht ganz leicht sein. Geben Sie uns trotzdem einen Überblick: Der DOSB ist der größte Dachverband, den es in Deutschland gibt. Unter ihm sind 16 Landessportverbände mit 90 000 Sportvereinen versammelt, hinzu kommen 66 Spitzen- und Fachverbände. Insgesamt gibt es rund 28 Millionen Mitglieder unter dem Dach des DOSB. In welchem Zustand befindet sich dieser organisierte Sport in Deutschland aktuell?

Hörmann: Sportdeutschland zeigt sich momentan als Ebenbild des gesamten Landes. Wir sind sowohl in der Breite als auch in der Spitze in ganz Deutschland verankert. Von „Just-for-fun“ bis zu den Profiligen. Aber all die Einschränkungen, die es momentan gibt, sorgen dafür, dass Sportdeutschland aktuell quasi bewegungslos auf den Tag wartet, an dem wieder Aktivitäten möglich sind.

SPONSORs: Haben Sie sich denn schon einen Überblick verschafft, wie viele Sportveranstaltungen bisher bereits verschoben wurden oder in den nächsten Wochen noch verschoben werden müssen?

Hörmann: Eine konkrete Zahl kann ich nicht nennen. Wir sind zwar im engen Austausch mit unseren Mitgliedsorganisationen, aber die Zahl von Veranstaltungen ist unter dem Dach des DOSB so groß, dass es diese genaue Analyse gar nicht geben kann. Selbst die einzelnen Fachverbände haben größte Mühe damit, genau zu beschreiben was nun nicht stattfindet. Aber noch viel schwieriger ist es, die Konsequenzen daraus zu analysieren. Aus der Bundespolitik kommt etwa die Frage, wie groß der Schaden im Sport voraussichtlich ist. Das lässt sich aktuell gar nicht prognostizieren. Das lässt sich gut am aktuell prominentesten Beispiel erklären: In der Fußball-Bundesliga macht es einen riesigen Unterschied, ob in wenigen Wochen zumindest wieder Geisterspiele umgesetzt werden können oder ob im Jahr 2020 die Stadien gar nicht mehr für die Nutzung von Bundesliga-Spielen infrage kommen. Die Auswirkungen können daher von Milliardenverlusten insgesamt bis zu Milliardenverlusten pro Quartal schwanken.

SPONSORs: Schauen wir einmal auf die Fachverbände und insbesondere die olympischen Sportarten. Gibt es Sportarten, um die sie sich gerade besonders Sorgen machen?

Hörmann: Das mag jetzt hart klingen, aber es gibt aktuell keine Sportart, um die wir uns nicht sorgen. Jeder hat auf seine Art und Weise Probleme. Einige Sportarten standen am Ende der Saison, andere am Anfang. Insgesamt kann man aber zum jetzigen Zeitpunkt nur schlecht segmentieren, welche Sportarten besonders stark und welche nur bedingt von der Krise betroffen sind. Corona hinterlässt überall tiefe und nachhaltige Spuren.

SPONSORs: Sie haben eben das Thema Politik angerissen. Die Landessportbünde und der DOSB haben bereits hinterlegt, dass sie einen Rettungsschirm für den Sport von der Regierung fordern. Haben Sie hierzu bereits Signale aus Berlin erhalten?

Hörmann: Grundsätzlich ist es sehr erfreulich, dass es unzählige Rettungsschirme gibt, über die national diskutiert wird. Beispielsweise können Vereine, die einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb haben oder auch Solo-Selbstständige im Sport zum Teil schon heute davon profitieren. Die Politik hat sich auf Bundesebene sehr konstruktiv gezeigt. Beispielsweise steht die Zusage, dass die Mittel, die für die Olympia-Entsendung nach Tokio in diesem Jahr nötig gewesen wären oder sonstige für den Leistungssport reservierte Töpfe, die nun nicht ausgegeben werden können, für andere Notmaßnahmen umgewidmet werden. Nicht zuletzt gibt es auch klare Signale aus der Sportpolitik und der Haushaltspolitik, dass, wenn sich die Krise so weiterentwickelt, das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

SPONSORs: Es steht und fällt also immer mit der Frage, wie lange die Krise noch andauern wird?

Hörmann: Richtig, und deshalb besteht auch auf der Landesebene in allen Bundesländern ausnahmslos eine hohe Sensibilität dafür, dass der Sport ein ganz wesentliches und prägendes Element unserer Gesellschaft ist. Und dass man den Landessportbünden, deren Einrichtungen wie beispielsweise den Sportschulen aber auch den Vereinen möglichst schnell und pragmatisch unter die Arme greifen muss. Andernfalls kann innerhalb weniger Monate viel von dem kaputt gehen, was über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut worden ist.

SPONSORs: Wenn dieses Verständnis in der Politik nicht vorhanden wäre, ist es also durchaus wahrscheinlich, dass große Teile des organisierten Sports, wie wir ihn kennen, nach der Krise nicht mehr existent sind?

Hörmann: Genau, deshalb habe ich bereits eingangs gesagt, dass es aktuell keine Sportart gibt, um die wir uns nicht sorgen. Auch der DOSB hat ein – im Verhältnis zu Bund und Ländern kleines – Solidarpaket in Höhe von einer Million Euro ausgerufen, welches zur Stärkung unserer Mitgliedsorganisationen eingesetzt wird. Wir machen uns große Sorgen, dass die Vielfalt des deutschen Sports, was ja unser Markenzeichen ist, unter der Krise leiden wird. Gerade die kleineren Verbände, ohne jetzt Namen und Sportarten nennen zu wollen, kann es hier besonders treffen. Wir wollen natürlich nicht, dass ein Fachverband auf nationaler Ebene wegbricht oder Landesverbände bedroht sind. Mit diesen Sportarten würde es dann rapide bergab gehen.

Tokio
Bildunterschrift
Foto: imago images / Kyodo News

SPONSORs: 2019 hatte der DOSB einen Umsatz von rund 40 Millionen Euro, dabei wurde ein Überschuss von 240 000 Euro erwirtschaftet. Daran gemessen ist das Paket in Höhe von einer Million sehr groß. Inwieweit ist denn der DOSB selber von der Krise finanziell bedroht?

Hörmann: Aus dem klassischen Haushalt könnten wir die eine Million gar nicht zur Verfügung stellen. Wir haben aber die vergangenen Jahre sehr solide und meiner Meinung nach auch wirtschaftlich gut gehaushaltet. Vor wenigen Wochen hatte ich noch eine intensive Diskussion mit dem BMI, ob es uns und den Fachverbänden überhaupt erlaubt sein soll Rücklagen zu bilden. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass sich der jahrelange Kampf mit der Politik um dieses Thema gelohnt hat und da bin ich stolz auf unsere sture Haltung. Mit dem zurückgelegten Geld sind wir nun in der Lage, anderen zu helfen und auch mögliche Einnahmeausfälle in der Zukunft auszugleichen.

SPONSORs: Welche Szenarien gibt es konkret?

Hörmann: Wenn einzelne Mitgliedsorganisationen oder deren Vereine in eine existenzielle Krise geraten, dann brechen Mitgliedsbeiträge beim DOSB weg, was wiederum zu Kürzungen im Haushalt führt. Ein weiteres Beispiel: Wir haben kürzlich die Sportabzeichen-Tour durch die einzelnen Bundesländer abgesagt, weil aktuell niemand in der Lage ist, dies umzusetzen. Auch das hat natürlich unmittelbaren Einfluss auf den DOSB-Haushalt. Nicht zuletzt spielt natürlich auch die Olympia-Verschiebung eine große Rolle. Wir sind in vielen Bereichen im Krisenmodus aktiv und tun alles dafür, dass unser eigener Haushalt im laufenden Jahr akzeptable Ergebnisse einbringt. Da ist ein Minus am Ende des Jahres natürlich auch möglich.

SPONSORs: Ein Minus im Haushalt erscheint derzeit als Luxusproblem. Die Sturheit des DOSB hat also dafür gesorgt, dass Sie nicht selbst Gefahr laufen, in die Insolvenz zu gehen. Das sind natürlich gute Nachrichten auch für die knapp 170 Mitarbeiter, die wahrscheinlich aktuell im Home-Office und in Kurzarbeit sind?

Hörmann: Unsere Mitarbeiter sind aktuell überwiegend im Home-Office. Kurzarbeit gibt es beim DOSB noch nicht, aber dieses Thema steht natürlich wie bei allen anderen Verbänden auch bei uns an.

SPONSORs: Sie haben eben schon einmal die Olympischen Spiele angesprochen. Für viele Verbände ist Olympia ein Zuschussgeschäft und keine Einnahmequelle. Wie haben Sie selbst die Entscheidung und die Kommunikation von IOC-Präsident Thomas Bach in den vergangenen Wochen wahrgenommen? Seine zögerliche Herangehensweise wurde von vielen Seiten kritisiert. Wie ist Ihre Einschätzung?

Hörmann: Wer die Diskussionen der vergangenen zehn Tage verfolgt hat, kann erkennen wie schwierig und komplex die Entscheidung im Vorhinein war. Zuvor hieß es immer nur „Sagt die Spiele endlich ab, egal wie es danach weitergeht“, aber nun kommen auch ganz andere Stimmen. Die Verlegung auf 2021 wird auch nicht ausnahmslos positiv bewertet. In Japan müssen etwa die Voraussetzungen für die Umsetzung 2021 geschaffen werden. Aus IOC-Sicht kann ich es nachvollziehen, dass zumindest bis zum letztmöglichen Zeitpunkt abgewartet wird, um eine Entscheidung zu treffen. Meine Wahrnehmung ist auch, dass in Japan alles dafür getan wurde, an dem Termin festzuhalten. Für den IOC ist es dann natürlich auch schwer eine Entscheidung über den Veranstalter hinweg zu treffen. Als DOSB-Präsident kann ich den Vorgang also gut nachvollziehen.

SPONSORs: Und als Bürger?

Hörmann: Als Bürger, der durch Corona auch in Quarantäne war, hätte ich mir dieses klare Signal schon früher vorstellen können. Die Kommunikation, als zunächst klar am Termin festgehalten wurde und nur wenige Tage später die Verlegung um ein Jahr bekannt gegeben wurde, hätte sicher besser ablaufen können. Jetzt geht aber der Blick nach vorne, um sich auf das Jahr 2021 gut vorzubereiten.

SPONSORs: Hilft dem DOSB denn die Verschiebung in diesen besonderen Zeiten oder stehen Sie nun erst recht vor besonderen Herausforderungen?

Hörmann: Zwangsläufig bringt die Entscheidung neue Herausforderungen für uns und alle anderen Nationen. Gerade wird schon diskutiert, wie nun die Qualifikationen ablaufen sollen. Sind die aktuell qualifizierten Sportler automatisch auch 2021 dabei? Leistungsentwicklungen können in zwölf Monaten in völlig unterschiedliche Richtungen gehen. Da kommen sicher noch weitere Fragen hinzu. Die Diskussion, ob Spiele 2021 besser sind führen wir nicht. Wichtig ist, dass wir eine klare Entscheidung haben und dass damit auch Klarheit für unsere Athleten herrscht, die sich nun nicht mehr mit einem improvisierten Training bereithalten müssen. Bei den Qualifikationen wird es im kommenden Jahr aber sicher auch schmerzvolle Entscheidungen geben.

SPONSORs: Bis wann müssen Sie hier eine Entscheidung treffen?

Hörmann: Nach meinem Verständnis verschiebt sich, unter der Annahme das der neue Termin so bleiben wird, die gesamte Zeitschiene um ein Jahr nach hinten. Demnach würde man den Qualifikationsprozess mit einer Verschiebung von zwölf Monaten nochmals durchlaufen. Dabei stellt sich natürlich auch die Frage, ab wann wieder Wettkämpfe auf Spitzenniveau durchgeführt werden.

SPONSORs: Was macht Ihnen Hoffnung, dass der deutsche Spitzensport wieder auf die Füße kommen wird?

Hörmann: Erstens, dass wir einmal mehr feststellen, dass der Sport ein hohes Ansehen und große Akzeptanz sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik hat. Außerdem freut mich, dass sich im Sport über alle Ebenen vom Verein über die regionalen Strukturen bis zu den Spitzenverbänden alle gegenseitig helfen. Je nachdem wie lange die Krise andauern wird, können sich hier alle unserer Unterstützung sicher sein. Zudem zeigt sich das Engagement und die Kreativität der Vereine mit den vielen Initiativen und Aktionen. In jeder Krise liegt in dieser Hinsicht auch eine Chance. Der wichtigste Punkt ist aber sicher, dass die Menschen nach der Kontaktsperre und sozialen Isolation einen großen Durst nach gemeinsamem Erleben haben werden und damit auch die Lust auf Sport größer sein wird als je zuvor. Das bietet natürlich auch für die Vereine eine große Chance.

SPONSORs: Danke für das Gespräch und bleiben sie gesund, Herr Hörmann.

Das Interview mit Alfons Hörmann wurde als Video-Interview von SPONSORS-Geschäftsführer Marco Klewenhagen geführt. Diese Version zeichnet das Gespräch nach.