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HSV-Fiasko: „Direkt ins Gesicht gelogen“

Die Clubs der DKB Handball-Bundesliga (HBL) warten mit wachsendem Unmut auf die Entscheidung zum insolventen HSV Hamburg. Auch die Liga ist aufgebracht, Profis fühlen sich belogen.

Dreieinhalb Wochen vor der Fortsetzung der Rückrunde wollen die HBL-Clubs Klarheit über ihren Spielplan und die Tabellenkonstellation. Denn momentan ist nicht abzusehen, ob und gegebenenfalls mit welchen Sanktionen seitens der Liga der HSV Hamburg die Saison 2015/16 zuende spielen wird. „Das hat sportliche und natürlich erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auf die anderen Vereine. Deren Unmut kann ich voll verstehen“, sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann am Sonntag der "Deutschen Presse-Agentur".

Tabellenführer Rhein-Neckar Löwen soll für das Spiel gegen den aktuell Tabellen-Fünften HSV bereits 10 000 Tickets verkauft haben, die 6300 Plätze bietende Flens-Arena der SG Flensburg-Handewitt ist seit Wochen ausverkauft. Dierk Schmäschke, Geschäftsführer der Flensburger, spricht von einem Fiasko. Das Finanzielle ist das eine, denn natürlich brauchen wir auch die Einnahmen. Aber auch sportlich ist das Spiel wichtig. Wir müssen nach der Pause wieder in den Rhythmus finden“, sagte er.

Erwartet wird, dass sich der HSV in den nächsten Tagen vom Spielbetrieb abmeldet. Der laufende Spielbetrieb kann vom Club finanziell nicht abgesichert werden. Im Saisonetat klafft eine Lücke von zwei Millionen Euro, zuletzt standen monatlichen Einnahmen von etwa 100 000 Euro Ausgaben von 340 000 Euro gegenüber. Das Insolvenzverfahren ist am vergangenen Freitag eröffnet worden. Insolvenzverwalter Gideon Böhm sieht keine Möglichkeit, die fehlenden zwei Millionen Euro für den Spielbetrieb bis zum Saisonende aufzutreiben.

Lizenz erschwindelt? Bohmann: „Wir kommen da nicht sauber raus“

Die finanziellen Probleme reichen aus, um das Ende der HSV-Handballer zu besiegeln. Doch gegen den Champions-League-Sieger von 2013 steht zudem der Vorwurf des Lizenzbetrugs im Raum. Der HSV hat sich offenbar die Lizenz erschwindelt, indem er eine von der Liga geforderte Sicherheitserklärung über 2,5 Millionen Euro von Mäzen Andreas Rudolph hinterlegte, diese aber durch eine ominöse und bis vor wenigen Tagen unbekannte Zusatzvereinbarung innerhalb des HSV wieder aushebelte.

Es gebe „berechtigte Zweifel daran“, dass die gewährte Lizenz „makelbehaftet“ sei, sagte Insolventverwalter Böhm – ein klarer Seitenhieb in Richtung Club-Geschäftsführer Christian Fitzek, der die HBL getäuscht haben könnte. „Es gibt verschiedene Wahrnehmungen, wie mit dieser eingeschränkten Verpflichtungserklärung umzugehen ist“, sagte Böhm. Der Streit wird nun juristisch geklärt.

Die Liga ist angesichts der jüngsten Entwicklungen aufgebracht: „In den vergangenen 13 Jahren bei der HBL gab es immer mal wieder Schieflagen, aber das hat eine andere Qualität“, sagte Liga-Chef Bohmann. „Geschädigt sind die Spieler, die HBL, das Finanzamt, Krankenkassen, die Halle und andere. Vielen Leuten wurde eine lange Nase gedreht.“ Am Mittwoch trifft die Lizenzierungskommission der HBL, der die Zusatzerklärung jetzt vorliegt, eine Entscheidung zum HSV.

Einen sofortigen Entzug der Lizenz wird es aber nicht geben, das lassen die Satzungen im Interesse aller Konkurrenten nicht zu. Diese erfolgt zum Saisonende. Dann muss der HSV in die dritte Liga absteigen. Nicht die Spielbetriebs-GmbH hält die Bundesliga-Lizenz, sondern der HSV e.V. Die Saison beenden könnten die Hamburger mit der U23-Mannschaft. „Egal, wie man es macht, für den einen oder anderen wird es in jedem Fall Wettbewerbsverzerrung sein. Wir kommen da nicht sauber raus“, sagte Bohmann.

HSV-Profi Lindberg: „Direkt ins Gesicht gelogen“

Diverse Profis haben den HSV Hamburg bereits verlassen und vereinzelt auch die Club-Führung öffentlich kritisiert. Der dänische Nationalspieler Hans Lindberg, der seit neun Jahren bei den Hanseaten spielt, attackierte beispielsweise HSV-Geschäftsführer Fitzek für den Umgang mit der Insolvenz. „Ich habe einen Geschäftsführer, der uns direkt ins Gesicht gelogen hat“, sagte er der dänischen Zeitung „Ekstrabladet“ und ergänzte: „Er hat gesagt, wir sollten nichts überstürzen. Und dann erfahre ich, dass es stattdessen keinerlei Chance für das Überleben des Vereins gibt. Es ist schwer zu verstehen, was gerade passiert.“

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