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Das erste Mal

Ende Juni verabschiedete sich die Formel E mit dem Finale in London in ihre erste Sommerpause. Die vollelektronische Rennserie wird zwiespältig gesehen. Die Premierensaison kann allerdings noch nicht der Gradmesser sein.

Das Fazit eines Sportevents zu ziehen war selten so schwer wie nach der Premierensaison der FIA Formula E. Auch die einschlägige Fachwelt ist sich uneins. 

Niki Lauda, Aufsichtsratschef des Formel-1-Teams Mercedes AMG Petronas, polterte Anfang Juli im „Handelsblatt“ über die vollelektronische Rennserie: „Stand heute werden die Tickets dort verschenkt. Die Zuschauerzahlen sind gering. Das Konzept geht null auf.“ 

Hans-Jürgen Abt, Geschäftsführer des einzigen deutschen Teams in der Formel E, kann sich dagegen vor Begeisterung kaum halten: „Allein zuletzt in London waren am Wochenende 60 000 Menschen im Battersea Park, um die Formel E live zu erleben. Insgesamt haben wir in der ersten Saison fast 400 000 Menschen an der Strecke gehabt“, sagt der im Motorsport äußerst erfahrene Manager nicht ohne Stolz. 

Zwei Experten, zwei Meinungen, die typisch sind. 

Eines hat die Premierensaison der Formel E deutlich offenbart: Sie hat bei weitem noch nicht das Renommee der Formel 1. Die polarisierende „Königsklasse“ ist im Motorsport trotz aller Sorgen (siehe Text „Alibi-Umfrage“, S. 48) nach wie vor das Maß der Dinge.

Die Formel E hingegen steckt noch in den Kinderschuhen. Ob sie einen ähnlich erfolgreichen Weg wie die Formel 1 einschlagen kann, muss die Elektroserie erst noch beweisen – sicherlich aber nicht im Premierenjahr, für ein umfängliches und seriöses Fazit ist es schlichtweg noch zu früh. 

Dass die erste Formel-E-Saison überhaupt mehr oder weniger problemlos über die Bühne gegangen ist, ist angesichts der Kürze der Vorbereitungszeit zunächst bemerkenswert. In wenigen Monaten wurde beispielsweise eine komplette Sponsoringvermarktung auf die Beine gestellt. Zum Ende der Saison listete die Formel E acht namhafte offizielle Partner: BMW, DHL, Julius Bär, Michelin, Qualcomm, Renault, Tag Heuer und Visa.

Es gab für die Serienveranstalter um CEO Alejandro Agag aber auch Rückschläge: So sprang im ersten Saisondrittel Cup-Sponsor (erste Ebene) BCN World infolge finanzieller Probleme ab. Insider berichten zudem von einem Zerwürfnis des BCN-World-Chefs Enrique Bañuelos mit Formel-E-Mann Agag. BCN World zählte zu den Gründungsinves-toren der Formel E.

Airline und Versicherer gesucht

Ein weiterer, wenn auch kleiner Makel: Die Rennserie war im ersten Jahr im Sponsoring nicht ausverkauft, wie der ehemalige Formel-E-Vermarktungschef Lars Stegelmann auf dem SPONSORs Motorsport Summit in Essen im November 2014 deutlich machte. Insbesondere waren damals laut dem mittlerweile für Repucom tätigen Manager die Branchen „Airlines“ und „Versicherungen“ noch unbesetzt – und das sind sie bis heute.

Auch bei der Medienvermarktung gibt es noch Baustellen. Die Formel E muss dabei einen schwierigen Spagat stehen: Auf der einen Seite muss die Rennserie mit ihrem völlig neuen Produkt zunächst überhaupt für Aufmerksamkeit sorgen – was am bes-ten im Free-TV funktioniert. Auf der anderen Seite will sie ihre TV-Rechte auch nicht verschenken und verkaufte daher ihre Rechte in Deutschland beispielsweise an Sky – wohl auch mangels Alternativen. 

Dass die globalen Medieneinnahmen der Formel E bisher ein zu vernachlässigender Posten sind, ist in der Branche ein offenes Geheimnis. Das dürfte die Formel E in ihrem frühen Stadium noch verkraften. Das meis-te Geld kommt ohnehin von den Investoren im Hintergrund. Konkrete Zahlen gibt die Formel E nicht bekannt.

Doch was der Rennserie vor allem in Deutschland fehlt, ist Sichtbarkeit. Nur wenn die Formel E es schafft, dauerhaft über digitale Kanäle oder Free-TV-Präsenz in die Köpfe der Menschen zu gelangen, kann sie die nächsten Schritte in der Vermarktung gehen. Der hierzulande mit Bezahlsender Sky geschlossene TV-Vertrag stößt vor diesem Hintergrund nicht nur auf Gegenliebe – auch wenn das von den Sponsoren niemand laut sagen will.

Am 17. Oktober startet die zweite Formel-E-Saison erneut in Peking. Angesteuert werden wie im Premierenjahr weltweit zehn Rennorte. Das verwundert etwas, denn ursprünglich war eine Aufstockung der Termine für das zweite Jahr geplant. Zumal die Formel E nach eigenen Angaben schon zur Vorsaison über 25 Anfragen für die Ausrichtung der sogenannten „E-Prix“ erhalten hatte. Mit dem Rennen in Berlin im Mai 2016 biegt die Formel E auf die Zielgerade der zweiten Saison ein – spätestens dann dürfte es aufschlussreiche Erkenntnisse über die Entwicklung der Serie geben.

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