Twitch

Das Ökosystem Twitch – und sein Potenzial für den Sport

Twitch ist mit seinem Konzept einer Art Youtube für Live-Content auf dem Weg zum Mainstream-Medium: Die User-Zahlen steigen und der Content wird immer vielfältiger. Längst bietet die Plattform deutlich mehr als nur Gaming – auch Sportinhalte werden immer wichtiger. Doch wie funktioniert Twitch genau? Und welche Chancen bietet das Streaming-Portal dem klassischen Sport?

Sitzen, saufen und sabbeln am See. So lässt sich – zugegeben etwas verkürzt und zugespitzt – der Inhalt des bisher erfolgreichsten Twitch-Streams im deutschsprachigen Raum zusammenfassen. Über 310 000 User in der Spitze sahen parallel im vergangenen Sommer das „Angelcamp mit Knossi & Sido“, ein dreitägiger Livestream, produziert an einem Angelsee in Brandenburg. Gestreamt wurde das Event von Jens Knossalla, der als „TheRealKnossi“ auf Twitch mittlerweile gut 1,6 Millionen Follower hat. Ein Meilenstein in der Twitch-Geschichte hierzulande, der wenig später noch einmal getoppt wurde. Zu Halloween steigerte das Duo den eigenen Rekord mit seinem „Horrorcamp“ auf gut 330 000 parallele Zuschauer in der Spitze; Ende Mai wurde mit dem Mittelalter-Camp ein weiteres, ähnliches Event durchgeführt.

Launige Formate wie die von Knossi und Sido hätten im klassischen linearen Fernsehen sicherlich keinen Platz gefunden. Sie leben in erster Linie von den vielen interaktiven Spielen und Formaten sowie der Teilnahme beziehungsweise parallelen Kommentierung von weiteren bekannten Twitch-Persönlichkeiten, die ihrerseits aktive Communitys mitbringen. Längst bietet das Streaming-Portal deutlich mehr als nur Gaming – auch Sportinhalte werden immer wichtiger. Um das Potenzial zu erschließen, das Twitch für den klassischen Sport bietet, lohnt sich zunächst ein tieferer Blick in das Ökosystem der noch jungen Plattform.

Twitch
Twitch

Sitz: San Francisco

Gründungsjahr: 2011

CEO: Emmett Shear

Eigentümer: Amazon (Amazon kaufte das Unternehmen 2014 für umgerechnet heute 811 Millionen Euro)

Deutschland-Sitz: Hamburg

Deutschland-Verantwortlicher: Burkhard Leimbrock, Commercial Director Europe

Jung, live und interaktiv

Die eingangs beschriebenen Beispiele verdeutlichen bereits gut, was die wichtigsten charakteristischen Merkmale der Plattform Twitch sind:

  • Der Content auf Twitch ist stets sehr interaktiv und damit genau das, was der Grundgedanke eines sozialen Mediums ist: eine Plattform, auf der sich Menschen austauschen. Farhan Ahmed, Strategic Partnerships Director bei Twitch, sagt: „Der Schlüssel, der Twitch zu Twitch macht, ist die Interaktion innerhalb der Community. Und mit Community meinen wir nicht alleine die Zuschauer, wir meinen Zuschauer und Streamer zusammen. Auf Twitch zu sein ist ein sehr aktives Erlebnis.“
  • Dazu steht Twitch – differenzierend zu beispielsweise Youtube – für Live-Content. Die Inhalte werden zwar auch anschließend zeitlich begrenzt on demand angeboten, per se ist der relevante Content auf Twitch aber live.
  • Zudem ist die Zielgruppe auf Twitch sehr jung. Das ist für solche Plattformen durchaus üblich in frühen Entwicklungsphasen. Auch bei Instagram beispielsweise waren die User gerade zu Beginn sehr jung. In der Regel werden diese im Durchschnitt dann mit weiterem Wachstum immer älter. Konkret sind aktuell 73 Prozent der Twitch-User jünger als 35, 41 Prozent sogar zwischen 16 und 24 Jahre alt.

31 Tage Livestream

Von diesen genannten Merkmalen profitierte zuletzt auch der US-Amerikaner Ludwig Ahgren, der im April 2021 31 Tage am Stück streamte und damit einen Weltrekord aufstellte. Derartige Events heißen auch Subathon, weil der Streamer dabei möglichst viele Abonnenten („Subs“) gewinnen möchte. Diese Abonnenten sind aus Sicht der Twitch-Streamer, auch Creators genannt, die wichtigste Zielgröße. Schließlich bezahlen sie für ihr Abonnement zwischen 4,99 und 24,99 Euro im Monat (siehe Infokasten „Twitch – die Geldflüsse auf der Plattform“). Von diesen Einnahmen kommen – je nach individueller Vereinbarung mit Twitch – mindestens 50 Prozent beim Creator an.

Ahgren startete seinen Stream-Marathon mit etwa 31 000 Abonnenten, am Ende seines Subathons hatte er knapp 250 000. Der US-Amerikaner ist seit 2017 auf Twitch aktiv und startete klassisch mit Gaming-Streams, setzte dann aber auch vermehrt auf andere, unterhaltende Inhalte. Eine Entwicklung, die sinnbildlich für die Entwicklung von Twitch steht. Carl Kuhn, Head of eSports bei Jung von Matt Sports, sagt: „Twitch wächst langsam in den Mainstream rein – und hat dabei im letzten Jahr einen Riesensprung gemacht. Durch Corona haben viele Entertainer und Künstler neue Bühnen und Reichweiten gesucht und auch in Twitch gefunden.“

Doch welche Reichweiten generiert Twitch konkret und welche User-Zahlen kann man auf der Plattform erreichen?

Twitch kommuniziert gern die Zahl  der jederzeit parallel auf der Plattform aktiven User. Dieser liegt derzeit bei 2,5 Millionen Menschen weltweit. Im Sommer 2020 waren es noch 1,5 Millionen, doch zuletzt hat die Plattform – auch aufgrund der Coronakrise – noch einmal zugelegt. Zum Vergleich: Allein in Deutschland schauen laut TV-Quotenmessung zur Primetime ab 20 Uhr circa 30 Millionen Menschen fern, zur Mittagszeit gegen 12 Uhr sind es etwa 10 Millionen.

Auf den Gesamttag gesehen, sind etwa 30 Millionen Menschen auf Twitch aktiv. Einen konkreten Vergleichswert von Youtube gibt es hierzu nicht, allein in den USA sollen es aber über 100 Millionen aktive User pro Tag sein. Interessant sind die in Relation relativ hohen Zahlen an aktiven Creators auf Twitch. So streamen pro Monat etwa sieben Millionen Menschen und Unternehmen auf Twitch Inhalte.

Marken nutzen Twitch

Das Wachstum von Twitch in den vergangenen Monaten zieht immer mehr Akteure an, die mit ihren Botschaften die junge Zielgruppe der Plattform erreichen wollen. So hat im vergangenen Jahr auch eine Vielzahl von Werbetreibenden auf Twitch erfolgreiche Streams gestartet.

Im September schloss beispielsweise die Modemarke Burberry eine Partnerschaft mit Twitch. Mit einem Stream anlässlich der virtuellen London Fashion Week erreichte die Marke bis zu 42 000 parallele Zuschauer. Immerhin bis zu 29 000 parallele Zuschauer erreichte Merck, ein Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie, mit seinem Stream zum „Welt-MS-Tag“ im Mai letzten Jahres. Am achtstündigen Angebot waren auch einige Twitch-Influencer beteiligt.

Diese Beispiele zeigen, dass mehrere große Marken Interesse daran haben, herauszufinden, welches Potenzial die Plattform Twitch für die Erreichung der eigenen Werbeziele hat. Sollten weitere Vorstöße und Cases erfolgen, dürfte dies auch eine gute Nachricht für die Vermarktung der Sportrechtehalter auf Twitch sein, wenn diese ihre Präsenz auf der Plattform in der Zukunft ausbauen.

“Kein typischer Sender für Top-Sportspiele”

Aktuell aber befindet sich der klassische Sport noch in einer frühen Entwicklungsphase auf Twitch. Seit Juli 2020 gibt es Sport als eigene Content-Kategorie auf der Plattform. Bereits vereinzelt zuvor, aber seitdem verstärkt sind derzeit immer mehr Rechtehalter dabei, erste Erfahrungen mit dem Streaming-Portal zu sammeln. Dabei ist zunächst wichtig, die Sport-Aktivitäten auf Twitch in zwei Kategorien zu unterteilen.

  1. Auf der einen Seite gibt es Streams, die durch den Twitch-Eigentümer Amazon geprägt sind. Dies sind vereinzelte Übertragungen von Premium-Sport-Events wie der National Football League (NFL) oder der englischen Premier League: Übertragungen, an denen Amazon für sein Prime-Angebot ohnehin die Rechte erworben hat und diese nun auf seiner Tochter-Plattform Twitch ebenfalls distribuiert.  
  2. Viel entscheidender sind aber die Aktivitäten und Kooperationen, die Twitch selbst anschiebt und umsetzt. Diese unterscheiden sich deutlich vom ersten Teil. Twitch-Mann Ahmed sagt: „Wir sind kein typischer Sender oder Distributor für Top-Sportspiele.“ Vielmehr hat die Plattform andere Prioritäten, wenn es darum geht, eine Partnerschaft mit einem Sportrechtehalter zu schließen. Ahmed erklärt: „Für uns ist es ein wesentlicher Bestandteil einer Zusammenarbeit mit einem Verein oder einer Liga, welche Möglichkeiten wir dadurch für unsere Creators schaffen können. Können diese zum Beispiel einige Ereignisse co-streamen? Oder können wir Kooperationen zwischen einem Club und Creators initiieren, die bereits erfolgreich bei Twitch sind?“

Dreijahresvertrag mit der FIBA

Eine solche Partnerschaft hat Twitch Ende Februar mit dem Basketball-Weltverband FIBA geschlossen. In deren Rahmen sollen etwa 600 Stunden pro Jahr live auf Twitch gestreamt werden. Allerdings, passend zu den Aussagen von Twitch-Manager Ahmed, nicht die Top-Events der FIBA, sondern unter anderem Events der 3-gegen-3-Variante, der Jugend und der Frauen-Euroleague. Ein zentraler Bestandteil aus Twitch-Sicht: Die FIBA gibt den Creators Zugriff auf Footage-Material, damit diese Content für ihre eigenen Kanäle erstellen können. Twitch-Manager Farhan hält die Sportart Basketball auf Twitch für sehr relevant: „Basketball ist dabei, sich stark auf unserer Plattform zu entwickeln. Natürlich ist Fußball die am weitesten verbreitete Sportart, aber der Basketball ist direkt dahinter.“

Und auch im erwähnten Fußball hat Twitch zuletzt vermehrt Partnerschaften mit großen europäischen Clubs geschlossen, darunter der AC Mailand oder Borussia Dortmund. Diese Partnerschaften beinhalten zumeist auch separate Absprachen zur Vermarktung der jeweiligen Kanäle. Twitch-Manager Ahmed sagt dazu grundsätzlich: „Normalerweise werden 100 Prozent der Stream-Werbung, Pre-Rolls und Mid-Rolls zum Beispiel, von unserem Sales-Team vermarktet. Wenn es um Bereiche wie Sponsoring geht, die wir als lebenswichtig für Club-Partner ansehen, gibt es natürlich auch individuelle Vereinbarungen mit einigen Creators und Clubs.“ Diese Vereinbarungen sind am Ende Verhandlungssache, die grundsätzliche Möglichkeit, eigene Club-Sponsoren einzubinden, ist damit aber gegeben.

Real Madrid als Best Case

Doch welche Erfahrungen haben die Clubs und Ligen bei ihren Twitch-Aktivitäten mittlerweile gesammelt? Was haben sie gelernt – und welche Handlungsempfehlungen lassen sich daraus für die Zukunft ableiten?

Zunächst einmal lohnt sich ein Blick auf die Kanäle, die in der Szene als Best Cases im Sport gelten. Dies ist international beispielsweise der Account von Real Madrid. Der spanische Club ist seit März 2020 mit einem eigenen Kanal auf der Plattform und war der erste Fußballverein, der die Marke von 100 000 Followern erreichte. Mittlerweile sind es etwa 130 000. Und Fachleute loben Real für die gute Frequenz an Streams, die zudem sehr programmatisch strukturiert seien. Konkret streamt der Club sowohl ganze Matches seiner Frauen- und Jugendmannschaften als auch beispielsweise Gaming-Inhalte.

Neben Real wird auch der französische Club Olympique Marseille als positives Sport-Beispiel genannt. Bei „OM“, ebenfalls schon bei über 100 000 Followern bei Twitch, sticht besonders das Live-Format bei Liga-Spielen hervor. Dabei kommentieren zwei Moderatoren das Spiel und diskutieren dieses mit der Community. Die Partie selbst kann man in gewissem Sinne über eine grafische Darstellung der jeweils aktuellen Spielsituation mitverfolgen. Live-Bilder von den Spielen gibt es erwartungsgemäß nicht, dafür wird beispielsweise das Aufwärmen gezeigt.

Twitch - die Geldflüsse auf der Plattform

Grundsätzlich ist die Nutzung von Twitch für User kostenlos. Allerdings können User für einzelne Accounts beziehungsweise Streamer kostenpflichtige Abonnements abschließen. Diese kosten in der Standard-Version 4,99 Euro pro Monat und Account und sind dann beispielsweise frei von Werbung. Es gibt allerdings auch Abonnements für 9,99 beziehungsweise 24,99 Euro pro Monat, die weitere Features wie modifizierte Emojis beinhalten. Jeder Prime-Kunde von Amazon, dem Eigentümer von Twitch, kann ein Abonnement pro Monat kostenlos abschließen.

Zudem können User sogenannte “Bits” kaufen, eine Art eigenes Twitch-Taschengeld. Diese Bits können situativ an einzelne Streamer gespendet werden. 500 Bits kosten aktuell beispielsweise 7,34 Euro. Von diesen Geldern sollen die Streamer beziehungsweise Account-Inhaber mindestens 50 Prozent bekommen. Je einflussreicher ein Account ist, desto eher kann er mit Twitch einen höheren Anteil ausverhandeln. Das Portal „Little loans“ schätzt, dass auf eine Jahresbasis betrachtet derzeit weltweit acht Streamer mehr als eine Million Dollar mit den Abonnements verdienen. Zusätzlich können Streamer auf Knopfdruck in ihren Übertragungen Werbespots abspielen, bei denen sie ebenfalls an den Erlösen beteiligt werden.

Partner-Status

Um Zugriff auf all diese Monetarisierungsmöglichkeiten zu erhalten, muss man bei Twitch zunächst den Partner-Status erreichen. Dieser wird bei den Accounts auch, wie man es beispielsweise von Twitter kennt, mit einem entsprechenden Haken-Symbol angezeigt.

Um diesen Status zu erreichen, sind gewisse Anforderungen zu erfüllen. So muss man beispielsweise, jeweils betrachtet auf einen 30-Tage-Zeitraum, insgesamt 25 Stunden streamen, dies an mindestens zwölf verschiedenen Tagen tun und dabei im Durchschnitt mindestens 75 Zuschauer haben. Sind diese Werte erreicht, kann man eine offizielle Bewerbung einreichen, die innerhalb von einer Woche geprüft wird.

Neben dem erwähnten Zugriff auf die Monetarisierungsmöglichkeiten bietet der Partner-Status weitere Vorteile. So werden die eigenen Streams per se mehr Usern auf der Plattform angezeigt, dazu können beispielsweise eigene Emojis freigeschaltet werden.

“Bedarf an neuen, interaktiven Formaten”

Diese Content-Beispiele schätzen Experten auch grundsätzlich als zu Twitch passend an. „Absolut entscheidend ist, dass Sportrechtehalter Twitch nicht als zusätzlichen Kanal für den Content sehen, den sie eh schon produzieren. Es bedarf neuer, interaktiver und regelmäßig ausgespielter Formate“, sagt beispielsweise Jung-von-Matt-Fachmann Kuhn. Und er ergänzt: „Twitch lebt von der Kommunikation mit der Zielgruppe, vom Rückkanal. Wer sich darauf nicht einlässt, ist doppelt gefangen: Die klassischen Zielgruppen eines Sportclubs werden nicht unbedingt alle den Weg auf Twitch finden. Und die bestehende Twitch-Community will den klassischen Content nicht wirklich sehen.“

Doch wie weit setzen die Clubs und Ligen des klassischen Sports diese Empfehlungen und Hinweise schon um? Kuhn sagt: „Bisher wird Twitch von Sportrechtehaltern noch zu wenig genutzt, um Inhalte abseits des eSports zu streamen. Es gibt keinen Grund, warum der klassische Sport nicht funktionieren sollte.“

Adler Mannheim sehen “positiven Trend”

Genau diesen Schritt bereits gemacht haben die Adler Mannheim. Der Club aus der Penny Deutschen Eishockey Liga (DEL) nutzt Twitch seit Sommer 2020 und startete damals, um seine Saisoneröffnungsfeier medial zu verbreiten. Diese findet traditionell unter dem Motto „The boys are back in town“ – kurz „Babit“ – auf dem Vorplatz der SAP Arena statt und wurde in Corona-Zeiten in „Babis“, also “… im Stream“ umfirmiert.

„Wir wollten gerade in Corona-Zeiten einen Kanal bespielen, wo das ansonsten sehr interaktive Format auch digital sehr interaktiv ist“, sagt Maximilian Friedrich, Marketing Manager der Adler Mannheim: „Das ist bei Twitch, auch mit den diversen interaktiven Erweiterungen, im Vergleich zu Youtube besser möglich und wurde von Beginn an auch entsprechend genutzt.“ Beim Event waren bis zu 1600 User parallel live dabei. Da viele sich zu kleinen Privat-Partys versammelten, gehen die Macher von einer Reichweite von etwa 5000 Menschen aus.

In der Saison streamten die Adler auch stets die knapp einstündige Spielvorbereitungsshow bei Heimspielen live. Dabei ließen sich die Verantwortlichen von der Agentur Build a rocket beraten, die Anfang des Jahres von Sportfive übernommen wurde. An zwei Beratungstagen ging es dabei primär um Content-Erstellung und Community-Management. “Am Anfang hatten wir ein verstärktes Auge auf die Netiquette im Chat, aber der Moderationsaufwand war und ist gering“, sagt Friedrich.

Allerdings lernten der Marketing-Experte und seine Kollegen bei allen positiven Aspekten auch Nachteile kennen. Friedrich sagt: „Bei denjenigen Fans, die nicht mehr zu den ganz jungen zählen, war am Anfang eine gewisse Skepsis gegenüber Twitch erkennbar.“ Entsprechend streamten die Adler nach wenigen Wochen ihre Live-Events parallel auch bei Youtube und verwiesen dort auf die zusätzlichen Interaktionsmöglichkeiten bei Twitch.

Bei Twitch selbst will der Club, der aktuell gut 2000 Follower auf seinem Kanal hat, auf jeden Fall aktiv bleiben. „Für ein Mehr an Interaktion ist der Kanal super“, sagt Friedrich. Dabei produziert der Club seine Live-Übertragungen durchaus aufwendig mit zwei Moderatoren und zwei Kameras. „Wir haben den Vorteil, dass wir die technische Expertise inhouse bei der SAP Arena haben“, sagt Friedrich, der zur Refinanzierung der Aktivitäten sagt: „Es ist ein bewusstes Investment, um gerade in diesen Zeiten überhaupt einen relevanten Kommunikationskanal mit den Fans zu haben. Wir merken aber auch, dass gerade die weitere Verbreitung der imposanten Einlaufshow die Zuschauer beeindruckt.“ Er äußert die Hoffnung, dass eben jene Twitch-Zuschauer durch die hochwertigen Inhalte einen positiven Berührungspunkt mit dem Club haben und damit auch zu potenziellen neuen Fans und damit Arena-Besuchern werden.

Eben jene Reichweiten-Steigerungen will der Club vor allem durch das Erhalten des Partner-Status bei Twitch erhalten (siehe Infokasten), mit dem die Inhalte besser verbreitet werden. Friedrich sagt: „Wir sind unter dem Strich zufrieden mit der Entwicklung. Künftig wollen wir in jedem Fall die Interaktion noch mehr durch gute Formate fördern. Das ist Aufwand, aber auch genau das, was die Fans wollen.” Insbesondere Q&A-Sessions beziehungsweise „Ask me anything”-Formate gelten als sinnvoll, bei denen die User im Chat ihre Fragen stellen können.

Adler
Bildunterschrift
In der Saison streamten die Adler stets die knapp einstündige Spielvorbereitungsshow bei Heimspielen in der SAP Arena live auf Twitch. (Foto: IMAGO / Thomas Frey)

Veränderte Content-Strategie sorgt für Borussia-Wachstum

Der Verein Borussia Mönchengladbach hat seine Content-Ausrichtung bei den eigenen Twitch-Aktivitäten ebenfalls bereits angepasst. Der Fußball-Bundesligist nutzt den Kanal seit etwa zwei Jahren ausschließlich, um Content seiner Gaming-Sparte zu verbreiten. Stefan Schuffels, Bereichsleiter Borussia-e-Sports, sagt: „Twitch ist das TV der jungen Leute, sehr vielfältig, sehr unterhaltend. Wir haben Anfang 2020 unsere Content-Strategie komplett neu aufgesetzt und noch mehr darauf abgestimmt.“

Konkret versucht der Club seitdem täglich zu streamen, also auch abseits der Spieltage. Gerade diese Regelmäßigkeit hilft erwartungsgemäß häufig, die User stärker an einen Kanal zu binden. Mittlerweile kommt die Borussia so auf über 7500 Follower und hat auch den bereits erwähnten Partner-Status erreicht. Neben Schuffels und den Spielern selbst ist ein weiterer Content Manager in der Abteilung angestellt, zudem gibt es im Gesamt-Club drei Content Creators, die auch im eSport eingebunden werden.

Mit diesem Set-up und den verbundenen Personalaufwänden ist der Betrieb des Kanals aktuell allerdings noch kein lukratives Geschäft. Schuffels sagt: „Es gelingt uns, unsere Partner in den Kanal einzubinden, durch gebrandete Content-Formate oder Logo-Platzierungen. Insgesamt ist die Bespielung des Kanals aber noch ein Investment.“

Zusätzliche Markenkontakte für die BBL

Mit ihren Twitch-Aktivitäten ein bewusstes Investment eingegangen ist auch die Easycredit Basketball Bundesliga (BBL). Die Liga ist seit Februar auf der Plattform aktiv. Sebastiano Provenzano, Leiter Strategisches Marketing bei der Liga, sagt: „Ich bin sehr froh, dass wir uns gerade in Corona-Zeiten – entschieden haben – natürlich nach einem gründlichen Evaluierungsprozess –, zu starten und da hinzugehen, wo die Fans sind. Natürlich wollen wir mittelfristig auch schauen, welche Partner-Integrationen möglich sind und welche Erlösmodelle wir entwickeln können.“

Der seit Ende 2019 für die Liga tätige Provenzano sieht in der Plattform einen wichtigen Kanal, um strategische Ziele der Liga zu erreichen: „Wir wollen grundsätzlich die Marken-Kontaktpunkte der easyCredit BBL erweitern und Teil der digitalen Lebenswirklichkeiten potenzieller Interessierter werden.” Dafür setzt die Liga neben den etablierten sozialen Kanälen neuerdings auch auf Spotify, TikTok und eben Twitch. Provenzano sagt: „Twitch spielt dabei aktuell die wichtigste Rolle, weil wir dort das größte Potenzial in einem noch nicht erschlossenen User-Kreis sehen.“

Bei der konkreten Bespielung von Twitch sollte eigentlich Ende April die Live-Übertragung des BBL Top Four, also des Final-Wochenendes des Pokals, das erste große Highlight werden. Allerdings mussten die Partien kurzfristig aufgrund von Corona-Fällen bei einer Mannschaft abgesagt und dann Ende Mai nachgeholt werden. Grundsätzlich will die Liga neben derartigen Highlights aber künftig auch mit einer regelmäßigen Show, voraussichtlich alle zwei Wochen für jeweils zwei Stunden, auf Twitch aktiv sein. Die Liga setzt dabei ebenfalls auf eine Zusammenarbeit mit der Agentur Build a rocket. Diese übernimmt die komplette Produktion, ist aber auch in die Konzeptionierung eingebunden. Provenzano spricht von einer “sehr partnerschaftlichen” Zusammenarbeit.

Inhaltlich will sich die Liga mit der neuen Show bewusst anteilig auch mit Themen abseits des Sports beschäftigen und so die weiteren inhaltlichen Facetten von Twitch ansprechen. Es fallen Schlagworte wie Musik, Sneaker und Tattoos – Lifestyle eben. Ein – nimmt man die Aktivitäten anderer Sportrechtehalter hierzulande als Maßstab – eher ungewöhnlicher Ansatz.

Genau das zeigen aber unter anderem die drei Beispiele Adler Mannheim, Easycredit BBL und Borussia Mönchengladbach: Die deutschen Sportrechtehalter sind derzeit mit unterschiedlichen Ausrichtungen und Konzepten auf Twitch aktiv. Alle eint aber, dass – trotz oder wegen bereits gemachter Learnings – insgesamt nicht nur eine Zufriedenheit mit dem bisherigen Entwicklungsstand vorherrscht, sondern für die Zukunft auch weitere Potenziale in der Plattform gesehen werden.

Und alle drei eint, dass die Aktivitäten bisher ein Investment und kein sich selbst tragendes Geschäftsmodell sind. Ein Investment in Sichtbarkeit insbesondere in den jungen Zielgruppen. Ob dieses Investment grundsätzlich, aber auch gerade zu Corona-Zeiten zur jeweiligen Situation und Strategie eines Rechtehalters passt, kann nur dieser allein entscheiden. Er sollte es aber, gerade mittelfristig, unabhängig von den eigenen eSport-Aktivitäten entscheiden. Schließlich ist Twitch eine Plattform auf dem Weg in den Mainstream.

Titelfoto: IMAGO / ZUMA Wire

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