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Neuer Glücksspielvertrag: Sportwetten-Branche schlägt Alarm

Wettanbieter bewegten sich in Deutschland bislang in einer rechtlichen Grauzone. Nun soll der Markt durch einen neuen Glücksspielvertrag staatlich reguliert werden. Branchenteilnehmer werten den aktuellen Entwurf zur Regulierung jedoch als „schlechtesten der Welt“ und deuten an, sich komplett vom Bundesliga-Sponsoring zurückziehen zu wollen. SPONSORs hat die Auswirkungen auf das Sportsponsoring herausgearbeitet.

In Deutschland wurden im Jahr 2018 insgesamt rund 8,8 Milliarden Euro für Sportwetten eingesetzt. Die Wetteinsätze im deutschen Sportwettenmarkt haben sich damit in den zurückliegenden fünf Jahren mehr als verdoppelt. Mehr als 7,3 Milliarden Euro, also etwa 95 Prozent der Einsätze, entfielen dabei auf private Sportwetten kommerzieller Anbieter. Die staatlichen Wettprodukte aus den Toto- und Lotto-Annahmestellen erzielten lediglich einen Marktanteil von rund drei Prozent. Zwei Prozent der Einsätze wurden auf Pferdewetten gesetzt. Zudem geht aus einer Studie des Nielsen Sports Fußball-Monitors hervor, dass Hälfte der 16- bis 65-jährigen fußballinteressierten Männer regelmäßig wettet oder bereits gewettet hat – weitere 16 Prozent dieser Altersgruppe können sich zumindest vorstellen, zu wetten. Lediglich 31 Prozent lehnen Sportwetten grundsätzlich ab. 

Deutschland gehört zu den wenigen europäischen Ländern, die noch keinen regulierten Glücksspielmarkt haben. Damit soll jetzt Schluss sein. Durch die Regulierung soll vor allem der Schwarzmarkt bekämpft werden. Dem Fiskus entgehen durch einen florierenden Schwarzmarkt – in Deutschland geht man von 30 bis 40 Prozent Marktanteil aus – jährlich Steuern in Millionenhöhe. Außerdem ist die Wertschöpfung hinsichtlich Sponsoring- und Marketingmaßnahmen für ein Land bei illegalen Wettanbietern gleich null. Gleiches gilt für Suchtprävention und Spielerschutz.

Der Sportwettenmarkt wird zum ersten Mal überhaupt in Deutschland liberalisiert. Ab dem 1. Januar 2020 dürfen private Sportwettenanbieter legal mit staatlichen Lizenzen in Deutschland agieren – unerheblich, ob on- oder offline. Das hat das Regierungspräsidium Darmstadt Mitte August offiziell erklärt. Zuvor hatten sich die Vertreter der Bundesländer auf einen gemeinsamen Entwurf zum neuen Glücksspielstaatsvertrag geeinigt, der nun noch von den 16 Landesparlamenten ratifiziert werden muss. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass es sich dabei lediglich um eine Formalität handelt. Somit ist es die erste Änderung seit 2012, die den Markt nun erstmals bundesweit und nachhaltig regulieren soll.

Historischer Abriss
Entstehung des Glücksspielvertrags
  • 1. Januar 2008: Der Glücksspielstaatsvertrag tritt in Kraft. Es ist ein Staatsvertrag zwischen den 16 Bundesländern, der bundeseinheitliche Rahmenbedingungen für die Veranstaltung von Glücksspielen schafft. Das staatliche Monopol auf Sportwetten und Glücksspiele wird zementiert
  • 23. Juli 2010: Der Europäische Gerichtshof erklärt den Glücksspielvertrag für europarechtswidrig. Er führe zu einer Abschottung des Marktes für Glücksspiele und Sportwetten gegen private Anbieter.
  • 14. September 2011: Schleswig-Holstein schert aus den Verhandlungen aus und verabschiedet ein eigenes Glückspielgesetz. Das unter anderem die Legalisierung von Online-Glücksspielen vorsieht
  • 23. November 2011: PokerStars gibt bekannt, den Fußballverein VfB Lübeck künftig finanziell zu unterstützen
  • 15. Dezember 2011: Mit Ausnahme von Schleswig-Holstein unterzeichneten alle übrigen Bundesländer einen neuen Glücksspielstaatsvertrag, der keine Legalisierung von Online-Glücksspielen vorsieht.
  • 24. Januar 2013: Der Kieler Landtag beschließt nach einjährigem Alleingang mit 32 zu 31 Stimmen, dem Glücksspielstaatsvertrag der übrigen 15 Bundesländer beizutreten.

Ablauf der Lizenzierung

Bevor der neue Glücksspielvertrag am 30. Juni 2021 in Kraft tritt, wird es ab 1. Januar 2020 zunächst eine 18-monatige Experimentierphase geben. Demnach wird die Konzession für alle Länder von der zuständigen Behörde für die festgelegte Dauer erteilt und die Zahl der Konzessionen nicht beschränkt. Die Dauer des Lizenzierungsverfahrens wird von Branchenkennern auf drei Monate taxiert. Bislang hatten lediglich 20 Anbieter von Sportwetten eine Konzession für den deutschen Markt erhalten.

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Das sind die Wettanbieter, die aktuell eine Sportwetten-Lizenz in Deutschland beziehungsweise Schleswig-Holstein besitzen. Grafik: SPONSORs

Um eine Lizenz für den neuen Glücksspielvertrag zu erhalten, müssen die interessierten Wettanbieter bestimmte Bedingungen erfüllen. Diese sind umfangreich und für viele Interessenten nicht ohne Weiteres zu stemmen. Allerdings sind diese Restriktionen noch in Verhandlung und nicht endgültig beschlossen. Der Status quo wurde als Grundlage verwendet. Detailfragen können sich bis zum Beginn des Lizenzierungsverfahrens noch ändern.

Wettanbieter, die die notwendigen Voraussetzungen erfüllen, sollen mit einer bundesweit geltenden Konzession ausgestattet werden. Anbieter, die keine Konzession erhalten, müssen sich vom deutschen Markt komplett zurückziehen. Wie dieser Vorgang tatsächlich vollzogen werden soll, ist noch unklar. Denn eine Kontroll- oder Vollzugsbehörde, die Anbieter ohne Lizenz identifiziert und sanktioniert, wurde vom Gesetzgeber noch nicht geschaffen. Sportwetten-Anbieter, die nach Inkrafttreten des geänderten Glücksspielstaatsvertrages keinen Antrag gestellt haben, sollen jedoch nach einer angemessenen Frist mit einem kostenpflichtigen Untersagungsverfahren durch die Behörde rechnen müssen.

Kritik an Lizenzierungsbedingungen

Neben der grundsätzlichen Einigkeit über die Notwendigkeit einer Regulierung und Legalisierung des Sportwettenmarktes wird auch Kritik an dem Lizenzierungsverfahren sowie am neuen Glücksspielvertrag selbst laut. So vertritt die EU-Kommission die Auffassung, das Lizenzierungsverfahren für den neuen Glücksspielstaatsvertrag enthalte nicht genügend Anreize für Wettanbieter, um ihr Angebot von der aktuellen Grauzone in einen dann legalen Markt zu überführen. Zumal nicht ausgeschlossen sei, dass Buchhalter sich nach Ablauf der Experimentierphase im Sommer 2021 erneut um eine Konzession bemühen müssten.

Die Kritik aus der Branche fällt schärfer aus: „Das ist die mit Abstand schlechteste Regulierung eines Glücksspielmarktes auf der Welt“, sagt Dominik Beier, Speaker of Board bei Interwetten, der nach eigener Aussage an mehr als 30 Regulierungen von Glücksspielmärkten in der ganzen Welt beteiligt war. Der neue Glücksspielvertrag orientiere sich demnach viel zu stark an der Fassung von 2012, doch „seither hat sich die Welt weiterentwickelt“, betont Beier mit Blick auf die digitale Transformation. Dementsprechend haben sich auch das Nutzer- und das Nachfrageverhalten verändert. Viele Aspekte des neuen Glücksspielvertrags würden realwirtschaftliche Bedingungen nicht widerspiegeln. Beier ist zudem enttäuscht, dass es keinerlei Gesprächsbereitschaft von politischer Seite gebe.

Neuer Glücksspielvertrag
Die in der Branche umstrittensten Bedingungen für Lizenznehmer

a) Eingeschränktes Live-Wetten-Angebot

Live-Wetten gelten als Haupteinnahmequelle der Buchmacher. Der Marktanteil von Live-Wetten liegt bei 70 Prozent. Das heißt: knapp Dreiviertel ihres Umsatzes generieren Wettanbieter über die Annahme von Wetten auf Live-Events. Nach aktuellem Entwurf sind nur noch Live-Wetten erlaubt, die auf das Endergebnis und dessen Bestandteile abzielen. Damit wären Wettannahmen auf Gelbe Karten, Einwürfe, Fouls sowie nächster Strafstoß und Platzverweis nicht mehr zulässig. Branchenteilnehmer sind sich einig, dass die Attraktivität eines derartigen Geschäftsmodells ungenügend ist. 

b) Einsatzlimit von 1000 Euro pro Kunde im Monat

Auch das neue Einsatzlimit in Höhe von 1000 Euro im Monat pro Kunde geißelt den Handlungsspielraum der Glücksspielanbieter drastisch. „Diese Restriktion ist völlig unverhältnismäßig. Wenn ein Lotto-Spieler für 1000 Euro einen Schein ausfüllt, überprüft auch niemand seine vorigen Einsätze in dem Monat“, kritisiert Beier.

c) Verbot von Online-Casinos

Das fortbestehende Verbot von Online-Casinos bezeichnen Experten gar als weltfremd. Offensichtlich sei, dass Online-Casinos stark vom Markt nachgefragt würden. Wenn es jedoch keine legalen Angebote gäbe, würden sich Interessierte nach anderen, vermeintlich illegalen Angeboten umsehen und diese auch finden. Dafür gäbe es insbesondere im Internet zu viele Möglichkeiten. Und somit wäre man erneut beim aktuellen Status quo: ein unregulierter Markt mit den oben ausgeführten Problemen.

Auswirkungen auf das Sport-Sponsoring

Wettanbieter zählen zumindest im Fußballgeschäft inzwischen bei nahezu jedem Bundesligisten zu den zahlungskräftigsten Sponsoringpartnern: 16 von 18 Bundesligisten werden von einem Wettanbieter gesponsert. Der Gesamtumsatz in der Bundesliga aus der Glücksspiel-Branche liegt nach SPONSORs-Informationen kumuliert bei 28 Millionen Euro. Der Anteil, der sich davon aus dem Sportwetten-Bereich speist, beträgt 87 Prozent.

Grafik: SPONSORs
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16 von 18 Bundesliga-Clubs haben mindestens einen Sponsor aus der Sportwetten-Branche. Grafik: SPONSORs

Wie wirkt sich die ausstehende Regulierung des Sportwettenmarkts also auf das Sportsponsoring in Deutschland aus? Branchenvertreter skizzieren dazu zwei Möglichkeiten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und stark abhängig von der  Ausgestaltung des Glücksspielvertrags beziehungsweise den dazugehörigen Restriktionen sind.

  1. Sollten die aktuellen Bedingungen für eine Lizenzierung nicht gelockert oder aufgehoben werden, kommt es laut Branchenvertretern zu einem wirtschaftlichen Kollaps für Medien und Rechtehalter. Sogar von drohenden Insolvenzen bestimmter Sportmedien, die den Großteil ihrer Werbeeinnahmen aus der Glücksspielbranche beziehen, ist die Rede. Auch Interwetten würde sich unter den aktuellen Umständen aus dem deutschen Sponsoringmarkt zurückziehen, bestätigt Dominik Beier gegenüber SPONSORs: „Wir könnten uns die Partnerschaften mit der TSG Hoffenheim und dem VfL Wolfsburg nicht mehr leisten.“  
  2. Sollte sich der Gesetzgeber jedoch auf die Branche zubewegen und die kritisierten Bedingungen lockern beziehungsweise aufheben, könnte der Markt förmlich explodieren. Denn bislang schreckten sowohl Clubs als auch Wettanbieter aufgrund der rechtlichen Unsicherheit vor einem Trikotsponsoring in der Bundesliga zurück. Zu groß schien das Risiko, das werthaltigste Sponsorship eines Clubs wegen rechtlicher Hürden zu gefährden. Wenn die rechtlichen Voraussetzungen jedoch geschaffen sind, würden dem Vernehmen nach einige Branchenvertreter Interesse an einem Trikotsponsoring in der Bundesliga anmelden. Experten gehen davon aus, dass sich die Größe des Markts nach der Liberalisierung verdoppeln könnte. Das würde wiederum einen größeren Wettbewerb zwischen Wettanbietern um Bundesliga-Sponsorships bedeuten, was somit unweigerlich zu einer Steigerung der Preise beziehungsweise Umsätze führen würde. Aktuell kostet ein Trikotsponsoring in der Bundesliga durchschnittlich 14,6 Millionen und in der 2. Bundesliga 1,5 Millionen Euro pro Saison. 13 Trikotpartnerschaften werden im Juli 2020 frei – drei bei Erst- und zehn bei Zweitligisten. Demnach werden im nächsten Sommer Bundesliga-Sponsorships im Wert von knapp 60 Millionen Euro frei.

Aktuell ist der Online-Wettanbieter Sunmaker der einzige Trikotpartner im deutschen Profifußball. Das Unternehmen sponsert sieben Vereine der dritten und zwei der zweiten Bundesliga. Nach dem Aufstieg des SC Paderborn in die Bundesliga hat Sunmaker nun auch das erste Trikotsponsoring eines Wettanbieters in Deutschlands höchster Spielklasse. Zudem hat sich mit Tou Tou ein chinesischer Wettanbieter das Werbemandat auf dem Trikotärmel von Werder Bremen gekauft und Bwin eine Partnerschaft mit dem Deutschen Fußball Bund (DFB) geschlossen.

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Der Wettanbieter Sunmaker ist bislang der einzige Trikotpartner eines Bundesligisten – des SC Paderborn. Hier im Duell mit dem VfL Wolfsburg. Foto: imago images / Christian Schroedter

Ein Blick auf die Insel

Hinsichtlich der internationalen Wettbewerbsfähigkeit würde ein regulierter Sportwettenmarkt mit eingeschränktem Live-Wettenangebot und Online-Casino Nachteile für die Bundesliga mit sich bringen. Auch deshalb mahnt Dominik Beier von Interwetten die Rechtehalter, sich stärker mit ihren Sponsoringpartnern aus der Branche auszutauschen und zu engagieren. Um das Potenzial des deutschen Sportwettenmarkts einzuordnen, lohnt sich ein Blick nach Großbritannien beziehungsweise in die Premier League. Dort ist der Sportwetten- sowie Online-Casino-Markt seit dem Jahr 2007 reguliert, was dazu geführt hat, dass heute mehr als 100 Millionen Pfund pro Spielzeit aus der Glücksspielbranche in die englische Fußballliga fließen. Das ist das Vierfache von dem, was die Bundesliga kassiert. Der Hauptgrund für die hohe Summe ist, dass die Hälfte der 20 Clubs einen Wettanbieter sogar als Trikotsponsor hat. Weitere acht Premier-League-Clubs haben eine andere Partnerschaft mit einem Wettpartner.

Obwohl die Lizenzierungsbedingungen vielen Wettanbietern Bauchschmerzen bereiten, gehen Branchenkenner davon aus, dass insbesondere die „Big Player“ die Anforderungen aus Darmstadt anerkennen werden. Die Gründe dafür sollen dem Vernehmen nach politischer Natur sein. Wer sich nun dem Lizenzierungsverfahren für die 18-monatige Experimentierphase verweigert, läuft demnach Gefahr, bei der Vergabe der Konzessionen für den Glücksspielvertrag im Juni 2021 leer auszugehen. Zudem könnten es sich renommierte Wettanbieter schlicht nicht leisten, in Deutschland ohne Lizenz dazustehen. Die möglichen Vertrauensverluste bei den Kunden sind heute kaum abzusehen. Interwetten wird sich nach Aussage von Dominik Beier ebenso an dem Lizenzierungsverfahren beteiligen wie Tipico.

Abschließend stellt sich die Frage, wie attraktiv ein Sportsponsoring für Wettanbieter, die das neue Lizenzierungsverfahren akzeptiert haben, überhaupt noch ist. Zumindest für den Marktführer Tipico bleibt ein Sponsoring-Engagement in der Bundesliga als offizieller Partner der Bundesliga und 2. Bundesliga sowie als offizieller Partner des FC Bayern München weiterhin „selbstverständlich attraktiv“, wie ein Sprecher gegenüber SPONSORs erklärte. Ob das auch für die übrigen Wettanbieter gilt, wird sich erst noch zeigen müssen.